Hirn sucht Liebe

Hochgeschätzte Leserschaft,

aus brandaktuellen Anlass möchte sich heute das Dr.Sommer-Team* mit einer wichtigen Klarstellung an Euch wenden: Stresst euch doch nicht alle so, ihr Hormonprotze!!! (Dieser Einstieg darf gerne als sehr energisch interpretiert werden.)

Häufiger fällt uns in letzter Zeit ein erstaunliches Phänomen auf. Es geht um das krampfhaft behirnte Anbahnen einer Liebesbeziehung unter paarungsbereiten Männern und Frauen der Generation U(nter)30+.

Im Grunde ist das Prinzip seit Menschengedenken eigentlich sehr simpel: Wenn ein Draht da ist und etwas in Gang kommen soll, dann passiert das eben. Ist nun aber kein Draht da, bringt auch der Einsatz neuronaler Impulse in eurem Hirnschwamm nicht furchtbar viel. Das ist für eine Liebesbeziehung in etwa so beeindruckend, wie für einen lebensfrohen „Backfisch in spe“ das Drohen mit einem Toastbrot.

Und wenn man nunmal so schlicht veranlagt ist und mit der tumben Verbalkeule „Hey, ey, wie gehts, Chica/Chico?“ versucht auf seine Vorzüge aufmerksam zu machen… Ja, mei, dann ist das eben einfach so! Neandertaler ziehen Neandertaler an – passt.

Wollt ihr Klartext!? – Ihr wurdet gefragt! Dieses, mit Verlaub, „Hirngefi***“ a la „was muss ich schreiben, damit sie/er mich mag?“ ist eine geistige Verwirrung unseres Digitalzeitalters. Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen, das Leben ist KEIN Konsolenspiel, bei dem es gilt gewisse Tasten in gewisser Reihenfolge zu drücken, damit die Alte oder der Alte genau das tut, was man möchte. Wenn man so an die Sache herangeht, MUSS man zwangsläufig frustriert durchs Leben rennen… oder rollen… weil im reelen Leben da draußen dummerweise bei gleicher „Tastenkombination“ immer wieder andere Ergebnisse herauskommen.

So, das mussten wir an dieser Stelle einmal loswerden… das kann man ja nicht mit ansehen, dieses Elend der verwirrten und desillusionierten Digitallover.
*Euer Dr.Sommer-Team *Die Generation 30+, Renter, Halbverweste und Zombierocker kennen uns noch.

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Schorsch die Schildkröte

Schorsch war eine Schildkröte, eine besondere Schildkröte. Als ich ihn kennenlernte, damals vor einigen Jahren hielten die Tiere des Waldes und besonders die Schildkröten ihn für hoffnungslos verrückt. Sie müssen wissen, Schildkröten sind stolz auf ihren Panzer. Ihr Panzer wächst mit ihren Lebenserfahrungen. Wir glauben alle, dass sei wichtig, das sei ein Schutz vor den Gefahren des Lebens.

Es begann nun alles mit einem Traum: der kleine Schorsch, noch jung an Jahren und voller Träume saß eines frühen Morgens auf einer kleinen Anhöhe jenseits des Waldbaches. Mit seiner Mutter beobachtete er das allmorgendliche Spektakel, wenn die ersten scheuen Lichtstrahlen den neuen Tag ankündigen. „Kleiner Schorsch, du musst wissen, wir Schildkröten sind die robustesten Tiere des Waldes. Das Geheimnis unserer Zähigkeit und unseres langen Lebens ist dein Panzer.“ sprach seine Mutter würdevoll. „Mein Panzer drückt…“ nuschelte der Jungspunt. „Dein Panzer wächst mit dem Leben. Und desto härter das Leben, desto härter auch dein Panzer.“ erwiderte seine alte Mutter ruhig. Just in diesem Moment schwang sich der Kranich von unterhalb ihrer Anhöhe aus den Baumwipfeln hinauf, der neuen Sonne entgegen. Er tauchte ein in den weiten blauen Himmel, drehte zwei Schleifen und verschwand aus dem Sichtfeld der Schildkröten.
Schorsch konnte seinen Augen nicht trauen „Mama, Mama, ich werde Flieger!!!“ – diese mit zögerndem Augenrollen: „Quatsch! Du bist ein Tier des Bodens.“. Wenn ein Traum ein Baum ist, so waren diese Worte ein Blitzschlag. Der junge Schildkröterich robbte zurück in den Wald, unter den hilflosen Augen der Mutter. „Wir sind, was wir sind und müssen werden, was wir sind.“ dachte diese.

In unserem Wald gibt es einen versteckten Weiher, den nur die wenigsten kennen. Ein schöner Ort, ein Ort voller Ruhe, umgeben von einer Wiese, deren bunte Blumenvielfalt und hohes Gras zum toben auffordert. Schorsch war nicht nach toben, obgleich auch ein Teil seines kleinen Schildkrötenherzes tobte. Er kroch durch das hohe Gras, näherte sich dem Weiher, und nahm nachdenklich auf seinem Lieblingsstein Platz. Gerne kam er hierher, wenn er sich freimachen wollte von allen Konventionen, die sein ungestümes Herz einengten. Er liebte die Freiheit, er liebte die Natur – eine Libelle schwirrte knapp an seinem weit geöffneten Nasenlöchern vorbei. Seine Augen wurden groß. „Fliegen…“ seufzte er. Sein Blick folgte der schillernden Libelle in weiten, neugierigen Kreisen und kam unwillkürlich zum stehen. Schorschs Kiefer klappte förmlich runter. Sein eben noch dahinschwirrender Blick war vollends gefangen, als er auf der anderen Seite seines Weihers den Kranich erblickte. Dies war das wohl wunderschönste, majestätischste Wesen, welches unser Jungspunt bisher gesehen hatte. Verschüchtert kroch er ein Stück zurück in das Gras, um nicht entdeckt zu werden. Eine ganze Weile saß er so da, und beobachtete bloß wie diese junge Kranichdame ihr Gefieder pflegte und dabei immer wieder ihr schillerndes Federkleid über ihren leuchtenden Schnabel mit Wasser aus dem Weiher benetzte. „Schooorsch, kleiner Schorsch, wo bist du!?“ riefe aus der ferne unverhoft seine Mutter. Die junge Dame, verschrocken von dem Lärm, schaute nun direkt in Richtung des versteckten Schildkröterichs, dessen Augen sich kaum von ihr lösen konnten auch wenn er sich sicher war, dass sie ihn zwischen dem Gras schon entdeckt haben musste.
Die Kranichdame strecke ihren langen Hals in die Höhe, öffnete ihre Flügel und war auch schon weg, als die Mutter hinter ihm mit mahnendem Blick auftauchte. „Ich muss fliegen!“ dachte Schorsch und trotte mit seiner Mutter nach Hause, während er immer wieder den Blick zum Weiher wand.

Am nächsten Morgen, als noch Dunkelheit über den Wipfeln lag, machte sich Schorsch davon. Es gab einen Hügel auf der anderen Seite des Waldes. Dieser war noch viel höher als die Anhöhe vom vergangenen Morgen – hier würde er sie wieder erspähen können. Die ganze Nacht hatte er von ihr geträumt – von der majestätischen Kranichdame, er, der plumpe, gepanzerte Schildkrötenjüngling. Wenn er an einem Ort fliegen lernen konnte, dann dort.

Also kroch er durch den Wald, bis er an den Fuß des Berges kam. Schorsch blickte entlang der grasbewucherten Felswand empor zur Hügelkuppe. Es mussten bestimmt an die 80 Schorschlängen sein, die sich über ihm erstreckten. Nach einer Weile ziellosen Herumrrobbens entdeckte er einen kleinen serpentinenartigen Weg, der sich an einer teils vom Gehölz verdeckten Stelle ganz zur Kuppe hinauf wand, so dass er nach einiger Zeit oben ankam. Hier war die Luft ganz anders, frischer und noch waldiger als ganz unten. Die ersten Vogelstimmen waren zu vernehmen, während unser Jüngling sich durch das dunstige Gras auf den Weg zum Rand der Erhöhung machte, um einen neugierigen Blick zu riskieren. Das Gras wölbte sich unter dem Geschaufel seiner Beinchen beiseite und gab schließlich auch den Blick frei. Ein schier endloses Meer aus Baumwipfeln, hier und da unterbrochen von wenigen Lichtungen oder kleinen Erhöhungen, ähnlich aber nicht ansatzweise so hoch wie jene, auf der er stand. Auch unmittelbar über den Baumkronen lag eine leichte Dunstschicht die von den warmen Strahlen der Sonne nun auch in ein verheißungsvolles orange schimmerndes Licht getaucht wurden. Und vor dem schüchternen Himmelblau – die Morgenvögel. Schorsch Herz schlug höher.
Umso mehr, als er den Blick nach unten riskierte – das war ungewohnt für eine Schildkröte. „Ich will fliegen! Jetzt!“ dachte er. Aber einfach waghalsig runterspringen? Schorsch war ein Träumer, aber ein lebensfroher Träumer. Lange hatte er bereits die Vögel des Waldes beobachtet und deren Flug aufmerksam studiert, da kam ihm die Idee: Flügel, es braucht Flügel. Ernüchtert nahm der kleine Schildkröterich auf einem flachen Holzstumpf Platz und blickte in die Ferne – seine Gedanken schweiften entlang seinem fragenden Blick in die Ferne.

So versunken konnte er auch nicht merken, wie sich die Schlange ihm näherte. „Na, lebensmüde, mein junger Freund?“ zischelte die junge Schlange, während sie sich leise schlängelnd näherte. „Nein“, entgegnete er leise „verliebt… verliebt in einen Traum… und einen Vogel.“. Die Schlange stutzte. „Nur zu, lass deinen Träumen freien Lauf.“ zischelte sie mit fester Stimme. „Ich kann nicht, ich bin eine Schildkröte, eine plumpe, gepanzerte, schwere Schildkröte. Ich kann ihr nicht folgen, nicht an ihrer Seite sein. Wir Schildkröten sind Tiere des Bodens.“. Die Schlange kam näher an Schorsch, baute sich auf und schaute ihn aus mahnenden Augen an: „Es gibt keine Bodentiere. Wie heißt du, mein junger Freund?“. Der Schildkröterich stellte sich zunächst zögernd vor, erzählte der Schlange dann aber alle Details, vom Gespräch mit seiner strengen Mutter am vergangenen Tag, dem Erscheinen der Kranichdame am Weiher und seinem tollkühnen Plan.“. „Dann müssen deine Träume fliegen lernen. Komm, wir bauen ihnen Flügel!“ forderte ihn die Schlange auf. Schorsch trottete dem wendigen neuen Freund neugierig durch die noch Feuchte Wiese des Hügels hinterher.

Die beiden suchten sich Äste aus dem leichtesten Holz und befestigten daran frische Blätter der seltensten Bäume des Waldes. Lange waren sie unterwegs, ehe sie am späten Nachmittag wieder auf der Kuppe ankamen. Auf Schorsch Panzer gebunden befand sich nun sein neuer Satz Flügel – Schildkrötenflügel. Die schönsten und die einzigsten, die er je gesehen hatte. Stolz glänzte in seinen Augen. „Ich habe gesehen, mein Freund, wie die jungen Eulen den Flug lernen, ich werde es dir berichten.“ erklärte die Schlange ernst.
Die junge Schildkröte lauschte gebannt und trainierte später angestrengt und begeistert. Eine ganze Zeit verging, ehe sich die beiden Kompagnons eines diesigen Tages wieder auf dem Hügel trafen, bereit den Flug zu wagen. Alle ihm zur Verfügung stehende Kraft steckte Schorsch jetzt in die Bewegung der Flügel – seine Beinchen ruderten wild, angespannt kroch er in höchstem Schildkrötentempo an den Rand des Hügels und sprang. Doch kein Stein des Waldes hätte schneller fallen können als Schorsch. Als er sich nach beherztem Sprung in der Luft befand, sah es im ersten Moment so aus, als würden die Schwingen ihn tragen. In der Ferne glaubte er die Kranichdame erspähen zu können, als er ins straucheln kam und sein harter Panzer ihn in die Tiefe riss. Erbarmungslos näherte er sich unter Stoßgebeten dem Wipfelmeer und sollte bald, so fürchtete Schorsch, auf dem Boden zerschellen. Er schloss die Augen, der Luftstrom raste an ihm vorbei. Dunkel.

Wie viel Zeit vergangen war, wußte der Schildkrötenjüngling nicht, als er zaghaft und verschwommenen Blickes die Augen öffnete, geweckt von einer sanften Stimme. Die Schlange? Nur zögerlich nahm er die schemenhaften Umrisse eines großen Schnabels war. Sein Herz begann zu rasen, während sich der Blick klärte und die Besinnung hastig zurückkam. „Hallo, geht es dir gut, Flieger?“ – „Das weist du vielleicht besser als ich.“ erwiderte Schorsch, noch leicht duselig in einem frechen Tonfall, der ihm bei vollem Bewusstsein in dieser Situation nicht entglitten wäre. Über ihn gebeugt Stand sie.
Jetzt musste Schorsch doch heftig nuschelnd um Fassung ringen. „Oh oh, ähm, nun…“. „Ein Wesen, wie dich habe ich noch nicht gesehen.“ sagte die Kranichdame. „Wieso? Was ist falsch an mir?“ – „Gar nichts…denke ich“. Schorsch blickte an sich herab, sein Panzer war weg. Er musste ihn verloren haben, als er durch die Wipfel gestürzt war. Im ersten Augenblick ängstlich, fühlte er sich aber ganz plötzlich unglaublich frei. Begeistert tollte er über über Waldboden. Die Kranichdame war verblüfft und doch begeistert von diesem verrückten Schildkrötenjüngling. Begeistert zeigte er ihr die schönsten Stellen des Waldbodens und sie lehrte dem federleichten Schorsch das fliegen. So wurde aus ihm, die erste flugfähige Schildkröte – unbeholfen, aber flugfähig. Und aus der Schildkröte und dem Kranich das bekannteste Paar unseres Waldes.

Gemeinsam sah ich die beiden noch viele Abende in den Sonntenuntergang fliegen und vernahm ihre fröhlichen Stimmen in und über dem Wald. Es ist jetzt aber eine Weile her, dass ich den Schildkrötenmann und die Kranichdame zu Gesicht bekommen habe. Viel Zeit verbrachten sie wohl in der Luft. Das ist nicht mein Revier, ich schlängle mich lieber hier am Boden entlang und sorge dafür, dass die Schorschs dieser Welt um ihr Leben träumen.

 

Alles auf „Reset“ – Tränen und Dickflüssiges in hiesigen Wohnzimmern

Sie haben es wieder getan. Am 25.5. – im Jahre des Herren 2014 – hat ein neues TV-Format zur Rettung hilfloser Hilfloser das Licht der Welt erblickt. Der Lieblingssender gelangweilter Gelegenheitsphilantropen, emotionaler Entwicklungsbürger, entrechteter Ewigopfer und tapferer Totalitärer ruft auf zum „RESET – Zurück ins Leben“. Keine halben Sachen, hier geht es um Sein oder Nicht-Sein, Alles oder Nichts, Spaß oder Spastik.

Der sich nun glücklichwähnende Uneingeweihte sei hier kurz (und sachlich) informiert:
„Reset – Zurück ins Leben“ ist eine aktuelle TV-Produktion des luxemburgischen Privatsenders RTL. Der Star-Mentaltrainer Markus Holubek, selbst ein Wiederauf-erstandener – von den Querschnittsgelähmten, macht darin Lahme gehend.

Na, kommt Ihnen das bekannt vor? Vor roundabout 2000 Jahren gab es schonmal einen, der das vermochte – das hatte aber rein gar nichts mit Sonntagsabendentertainment zu tun und endete ziemlich blutig. „Reset“ endet nicht blutig, wenn auch flüßig (Tränen) oder dickflüßig (Erbrochenes). Wieviel unterdes „Reset“ mit Unterhaltung zu tun hat, das sei hier nun einmal kritisch hinterfragt. Der Sender spricht auf seinen Webseiten von einer „Dokumentation“. Wieviel „Reset“ mit Dokumentation zu tun hat, auch das sei hier einmal unter die Lupe genommen.

Im ersten Teil geht es um Dennis. Dennis, 29 Jahre, Finanzbeamter und seit 9 Jahren an den Rollstuhl fixiert, hat einen teuflischen Plan: „Ich steh auf und geh‘ durch die Gegend. Ich leb‘ dafür.“.

Laut RTL-Informationen ist Dennis ein sogenannter „Kompletter [Anmk.: Schaden]“. Das ist die BILD-sprachliche Umschreibung für: Dennis Rückenmarksverletzung ist seit seinem Unfall komplett durchtrennt. Eine Übertragung von Nervenimpulsen ist in so einem Falle nicht mehr möglich. Die betroffenen Körperpartien können nicht mehr bewusst bewegt werden und sind größtenteils berührungsunempfindlich.

Komplett, Inkomplett – die Sendung wimmelt von versiertanmutendem „Quacksalberslang“.
Dem Laien sei versichert, an einem „Inkompletten“ ist meist rein physisch alles komplett – ich spreche da aus eigener Erfahrung. Dasselbe gilt übrigens auch für „Komplette“ – rein physich. Was aber fraglich scheint, was treibt einen gut aussehenden, intelligenten, jungen Mann, mit langjähriger Partnerschaft und soliden beruflichen Zukunftsaussichten – rein mental – dazu, einer solch exklusiven S/W-Weltanschauung das Wort zu reden? Ging es um Geld, Koks, Gratisbier, mediale Präsenz oder das aufrichtige und freilich dezent masochistische Eintreten für ein Wertesystem, dass in Kategorien wie „lebenswert – lebensunwert“ einteilt?

Auch wenn „Mentaltrainer“ Hollubek beteuert „Wunder gibt es nicht.“, am Ende kann der „Komplette“ wieder gehen. Wenn aber nun die Heilung von „Kompletten“, laut RTL, nicht möglich ist, ja, ist der „Komplette“ dann entweder ein inkompletter Scharlatan oder haben wir uns alle bei der Existenz von Wundern seit Menschengedenken getäuscht?

Eins steht scheinbar fest: Hollubek, der Mentalrambo per excellence, hat es am Ende doch geschafft. Dem dahinsiechenden – aber TROTZDEM lebensfrohen und festenschlossenen – Dennis (Anmk.: Behinderte haben meist keinen Nachnamen, sind per se frustriert und latent lebensmüde) wurde, mittels „hartem Training“ und operativer Verpassung eines elektronischen Nervenstimulators, ein neues Leben geschenkt – von einem „Normalen“ (Anmk.: mit Nachnamen, sonnengebräunt, dauergrinsend).
Nur am Rande: Auch an Hollubeks Normalität und zumindest Seriosität darf und muss jedoch großzüig gezweifelt werden, wenn er den armen Dennis mit „arroganter Drecksack“ mitten in der Primetime angrölt, wie nach dem 24. Fläschen Congnac. Man bedenke: währenddessen krabbeln vor den heimischen Flimmerkisten pubertierende Teenager geistesabwesend hin und her und suchen händeringend nach einen normalen Umgangsmodus mit Behinderten, Menschen und sich selbst.
Der Normale hilft dem Unnormalen zu einem Heldenstatus. Die schmerzlich pathetische Aussage ist deutlich: das hätte der niemals alleine gepackt! Damit zementiert RTL medial eine Denke, die konsequent gegen jede Autonomiebestrebungen der Inklusionsverfechter geht. Nahezu archaische Denkmuster, die sich eine selbstbewusste, moderne Zivilgesellschaft tunlichst verbitten sollte. Das Selbe gilt auch für die erwähnte „Trotz-Haltung“: trotz des Handicaps, leistet er etwas. Diese „Trotz-Haltung“ ist nicht nur dazu geeignet die Fortschritte und Erfolge Heranwachsender mit einem Handstreich hinwegzufegen und diese nachhaltig zu demütigen, nein, sie ist sogar ein hervorragendes Mittel die Lebensleistung gestandener Männer und Frauen inmitten unserer Gesellschaft überheblich zu negieren. Meiner Erfahrung nach sind es weitaus weniger Menschen, als man glaubt, die ihren Fokus auf ihr eigenes Handicap richten – vielmehr ist es aber eine hilflose Leistungs-Gesellschaft, die sich einen Fokus auf Defizite leistet, als könne sie es.

Unterm Strich ist diese Sendung das, was man wohlwollend als „gutgemeint“ bezeichnen könnte, wenn man wollte. Ich will aber nicht. Für so etwas gibt es das spannende Wort „Dokutainment“ – den Schwerpunkt darf sich die Produktionsfirma selbst aussuchen. Das ist wie „Gemüsefleisch“ – den Schwerpunkt bestimmt nicht der Konsument.

Von einer echten Dokumentation erwarte ich dramatischen Informationsgehalt bei gleichzeitig netter Aufbereitung. Was hier passiert: dramatische Aufbereitung ab-geschmeckt mit nettem (,wenig glaubwürdigem) Informationsgehalt. Aber genau das braucht ein Wertewandel im Umgang mit Tabuthemen wie „Behinderung“: echte Informationen, nicht etwa, frei nach dem Psychologen Paul Watzlawick, mehr desgleichen Denkens und Handelns.

„Reset“ jedoch wimmelt nur so von gut gehegten, schon bekannten sprachlichen Fauxpas und sanitären Tiefgriffen, die jedoch mit einer solchen Selbstverständlichkeit präsentiert werden, dass jedes kritische Hinterfragen tradierter Geisteshaltungen beschämt sich die Dachterasse runterstürzen mag – wie Dennis. Ein solcher Unfall ist tragisch, ja. Aber wie emotional vertrocknet muss man sein, dass man sich diese höchst privaten Fakten untermalt mit kinoreifer „Titanic-Musik“ am sonntäglichen Feierabend aufs Butterbrot schmieren lassen möchte? Zurecht also ist das Presseecho recht eindeutig, z.B spricht rollingplanet von „hart an der Kotzgrenze“. Und warum? Weil der x-ste „Quotenbehinderte“ zur Pflege der eigenen gutmenschlichen Intentionen über den Bildschirm gerollt wird. Dabei geschieht das mit einem „Ouch-Pathos“ das nichts in einem informativen Format für mündige Bürger zu suchen hat, in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung oder einem „Mimi Leder – Streifen“ aber nicht weiter verwundern würde. Ferner wird dort auch das Bild vom „armen, tapferkämpfenden Behinderten“ gepflegt, der die Hilfe von einem als normal gewerteten Mentaltrainer benötigt, um zu einem lebenswerten Leben zurückzufinden. Offen steht die Frage im Raum: wer brauch wen mehr? Der zur Unmündigkeit per selbsterfüllende Prophezeiung verdonnerte Körper- oder Geistigbehinderte oder derjenige, der durch ein hin und wieder destruktives Fürsorgesyndrom genau dieses Behinderungen stabil hält? Fortschritt geht anders, RTL!

Ja, erfreulich ist der Ansatz des Privatsenders auf sogenannte „Leichte Sprache“ – eine speziell an die Bedürfnisse von Geistig- und Lernbehinderten zugeschnittene Wortwahl – zurückzugreifen. Das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal im RTL-Programm, sondern eine der obersten Maximen. Das ist vollkommen ernstgemeint und nicht etwa Polemik – dieser Umstand macht die ganze Peinlichkeit solcher TV-Beiträge wohl frappierend deutlich. Fortschritt geht anders, RTL!

Ja, klasse ist, dass RTL „Behinderte“ in die Medien bringt. Eine selbstverständlichere Präsenz kann dazu beitragen, Normalität im täglichen Mitteinander zu schaffen. Der Rolle der Medien für die Meinungsbildung, scheint man sich aber nicht bewusst gewesen zu sein oder nimmt eine Verblödung und Verhilflosigung einer Gesellschaft im Umgang mit einem Thema billigend in Kauf, dass jeden unmittelbar betreffen kann. Behinderung ist eine nüchterne Zustandsbeschreibung oder ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, kein Schicksal. Letzteres hämmert RTL aber neben anderen Klischees mit diesem Format handwerklich geschickt in Stein. Fortschritt geht anders, RTL!

Fazit: Vielmehr als die dramatische Überemotionalisierung von Unteremotionalisierten erreicht eine solche Produktion nicht.

RTL scheucht austauschbare Quotenbehinderte und deren dicken Klischee-Rucksack über hiesige Mattscheiben, und erzielt wenn damit eines: die Bestätigung tumber Vorurteile, die einen echten Austausch bisher auch schon zäh gestaltet haben. Ferner massiert „Reset“ bestenfalls/schlimmstenfalls das Wohlgefühl eines zerfürsorgenden Gutmenschenbürgertums oder kommt einem reinen Bedürfnis nach Wochenends-amusement nach. Ekelig!
Wir wollen eine Selbstverständlichekeit im sozialen Miteinander, eine von Drama befreite Augenhöhe, klare Fakten und weniger zu Tränen und Erbrochenem rührende Freakshow. Reset ist insofern nichts anderes als ein behindertenpolitiesches „Reset“ – back to the roots – ein soziokultureller Stillstand.

BEHINDERUNG IST ANSTECKEND

Es ist absurd, was für Vorstellungen offenbar herrschen und es scheint mir auch ein wenig eine gewisse „self-fulfilling prophecy“ am Werke zu sein: „es kann nicht sein, was nicht sein darf“.

Genau DIESE verkorksten Vorstellungen und Vorurteile sind dabei der Casus Knacksus. Es herrscht die pervertierte Situation, dass eben genau diejenigen, die „gut gemeinte“, mitleidige Statements von sich geben, der größte Faktor in der Causa „Ausgrenzung“ sind.

Das Problem heißt „Gutmensch“ oder „Realitätsverweigerer“. Wie oft erlebe auch ich es, dass diese spezielle Spezies sich nicht entblödet und in einer Unterhaltungs- und Erlebnisgastronomie vor mir einen theatralischen Kniefall macht – Männer und Frauen, um nach Luft schnappend entweder wortwörtlich „größten Respekt auszusprechen“ oder mir aus tiefster Überzeugung mitzuteilen, dass ich „eine arme Sau“ sei. Das hat zwar auch einen nicht zu verachtenden Unterhaltungswert, ist jedoch nicht das, was man in einem Tanzschuppen erwarten würde, oder? – eher in einer Kuriosiätenshow aus dem 19. Jahrhundert.

Im Fall Nummero uno muss doch mal klar gesagt sein, dass nur ein Schildbürger auf die Idee kommen kann, dass sich Respekt at its best am besten verbal äußern ließe. Als reiche es aus, seiner Liebsten oder seinem Liebsten hin und wieder „ich liebe dich“ ins Ohr zu posaunen, um sich fürs restliche Jahr dann kalt wie ein tiefgekühlter Backfisch zu präsentieren.
Respekt sollte man vor jedem haben aber bitte doch nicht im Falle tiefverwurzelter Wahnvorstellungen von vermeintlich unsagbarem Leid. Da hilft zwar auch ein Wort mit „R“ – Reflexion oder, böse Zungen würden sagen Ritalin :X – die meisten aber, die wir zynisch und dummdreist als „behindert“ bezeichnen, leiden weniger an sich selbst, als an jenen hartnäckigen Teflongestalten.

Im Fall Nummero duo möchte ich lediglich anmerken: Wenn 100 Leute an einem Abend äußern „du bist eine arme Sau“, dann, werte „Gutmenschen“, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es irgendwann wirklich mit einer armen Sau zu tun haben könnte, nicht bei 100%, aber ein gutes Stück angefeuert. Nur weiter so!
Entweder haben Sie dann ein „depressives Häufchen Elend“ vor Augen – Gratulation, das Weltbild passt wieder – oder wenn sie sich körperlich überschätzt haben sollten, eine blaue Nase im Gesicht – und sei es nur ein verbales Feilchen.
Und es möge dann doch bitte keiner empört wettern „wie ungehobelt denn diese Kaputten seien“ oder „das war doch alles nur gut gemeint“. Ich möchte an dieser Stelle entschieden den Rat geben, hören sie auf wie ein pupertierendes Milchmädchen die Dinge „gut zu meinen“, fangen Sie an die Dinge „gut zu machen“. Wobei gut sozialadäquat meint.

Vergesst die baulichen Barrieren, chronische Erkrankungen und/oder vermeintliche Schmerzen, vergesst körperliche Abweichungen vom Status „normal“. Das spielt alles keine Rolle! Es geht vielmehr darum endlich zu kapieren, dass das Problem jene sind, die sich in einem spontanen und leicht shizophrenanmutenden, Anfall von „Selbstlosigkeit“ sich als Retter in der Not aufdrängen wollen. Als bestehe Superman darauf, die rüstige Rentnerin über die Straße zu buchsieren, in völliger Verkennung der Tatsache, dass der vor lebensluststrotzende Mittzwannziger aus der Muckibude gar kein Bedarf hat.

Kurz: Solange Behinderung ansteckend ist, ist Behinderung nicht heilbar. Das ist wie sich voller Vorfreude mit einem 20-Kilo-Hammer auf den Finger zu trommeln, und sich über den Schmerz zu beklagen.

Das Gleiche gilt übrigens für eine Vielzahl schräger „Inklusionsversuche“. Inklusion ist keine „nette Tat“ oder gar „großzügige Dienstleistung“, der gewähnt Weniger-Beschränkten gegenüber den vermeintlich offensichtlicher Beschränkten. Nein, Inklusion ist ein Menschenrecht und die Abwesenheit nichts weiter ein blamabler Skandal. Hier spielt das Leben! Und nicht bei „Bauer sucht Frau“ oder dann wenn Soapstar1 beim Fremdgehen mit Soapstar3 erwischt wurde.
Der Hund liegt genau hier begraben: welche Motivation, welchen Anreiz haben wir, über all diese schrägen Verhaltenskuriositäten zu reflektieren?

Und ich möchte abschließend die These in den Raum stellen: Verhält sich dieses Dilemma vielleicht am Ende ähnlich, wie das global der Fall ist, wenn es darum geht, allen Menschen den uneingeschränkten Zugang zu zB Trinkwasser zu ermöglichen, oder beispielsweise den Afrikanern zu ihren eigenen Bodenschätzen oder allen Menschen, den uneingeschränkten Zugang zu Bildung? Wer hat etwas von Chancengleichheit? Oder ist am Ende der Status Quo, mit der chipstüte um die Wette zu couchend, während man in eigener Unmündigkeit dahinvegetierend, leidenschaftlich über spektakuläre Primetimeevents sinniert, die bequemere Alternative für alle – selbst für „Spontanbehinderte“ und „Rollstuhlnewbies“.